Stuttgarter Kulturdialog | II. Akt

Stuttgarter Kulturdialog | II. Akt | Zusammenfassung

9. / 10. Juli 2010 an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart

Rund 170 Kulturschaffende sowie Funktionsträger aus Kulturpolitik und Kulturverwaltung haben zwei Tage lang über die kulturellen Rahmenbedingungen in Stuttgart diskutiert. Nach der erfolgreichen Auftaktveranstaltung artparade im November 2009 war dies der zweite Akt im kulturellen Dialog, organisiert von den sachkundigen Bürgern im Kulturausschuss der Stadt Stuttgart.

Ausgangspunkt für den Kongress war die Einsicht, dass es nicht sein kann, die Diskussionen über Kulturpolitik von kurzfristigen, wenn auch drängenden Kürzungsdebatten überschattet zu sehen. Im Vordergrund stand vielmehr das grundsätzliche Interesse aller sachkundigen Bürgerinnen und Bürger für kulturpolitische Themen: Wie machen es die anderen? Was ließe sich auf Stuttgart übertragen? Aber vor allem sollte eine öffentliche Debatte über Kulturpolitik ausgelöst werden, die sich in den nächsten Jahren fortsetzt. Dazu waren sechs Experten zu Vorträgen eingeladen, hier in Auszügen:

Identitätsstiftung und Kultur,
Prof. Dr. Joachim-Felix Leonhard

Zentrale Themen der Diskussionen waren die Interdependenz von Kunst und Kultur mit den anderen Ressorts und die Notwendigkeit, klassische Kunst- und Kulturkategorien neu zu definieren. Identität ergibt sich aus der Fähigkeit für eine Gruppe von Menschen „wir“ sagen zu können, aus der Möglichkeit des Zusammenlebens. Nicht nur das Bewusstsein des Miteinanders bestimmt die Identität einer Stadt, auch das Gebaute ist ein wesentlicher Aspekt dieser Frage und wird in der Stadt oft unterschätzt. Das problematische Verhältnis der Stadt zu ihrer eigenen Geschichte und der Mangel an Bewusstsein über die Qualität guter Architektur wurden mehrfach angesprochen, ebenso die prägende Rolle der Kulturszene für die Identität der Stadt.

Kulturelle Bildung,
Thomas Krüger

Auch hier stand im Mittelpunkt der partizipatorische Aspekt. Kulturelle Bildung verschiebt sich von der Ebene der Rezeption auf die der Partizipation als kollektiver, nicht mehr nur als individueller Prozess. Kulturelle Bildung darf nicht mehr isoliert betrachtet werden, sondern im Gesamtkontext einer städtischen Kulturpolitik und muss neue Lernformen jenseits der Trennung zwischen dem schulischen und dem außerschulischen Bereich erfinden.

Interkultur,
Claudia Kokoschka

Auch in diesem Bereich betont die Referentin die Interdependenz von Interkultur mit den anderen Kulturthemen und -schwerpunkten. Das Dortmunder Kulturbüro, das sich bewusst nicht mehr Kulturamt nennt, weil der Begriff „Amt“ die Öffentlichkeit eher abschreckt als anspricht, hat unter Beteiligung aller Akteure der Interkultur ein zugleich praktisches und durchdachtes „10 Schritte-Programm“ entwickelt, übertragbar auch auf andere Städte.

Kulturkonzept Freiburg,
Achim Könneke

Wichtig beim Freiburger Kulturkonzept ist nicht nur das Ergebnis selbst sondern auch der lange Weg – über vier Jahre – der dazu geführt hat. Auffallend war, wie der Referent stets von „wir“ sprach und damit nicht nur seine Verwaltung meinte, sondern im Namen der Bürgerinnen und Bürger, der Szene, der Politik und natürlich auch der Verwaltung sprach. Trotz aller Schwierigkeiten wurde das Zusammenspiel zwischen diesen vier Partnern wunderbar orchestriert: Wer, wann öffentlich diskutiert, Fragebögen ausfüllt, Expertengespräche organisiert, plant, entscheidet, revidiert und umsetzt, wurde zeitlich perfekt in Szene gesetzt.

Welche Rolle spielt Kultur für die Entwicklung einer Stadt,
Dr. Bernd Wagner

Auch für Bernd Wagner kann die Stärkung von Kulturpolitik nur über gemeinsame kooperative und kommunikative Prozesse geschehen. Eine Modernisierung der Kulturpolitik sollte von der Stadt und ihren Bürgern ausgehen, nicht von den Institutionen. Bei allen Veränderungen, die die Gesellschaft seit über 30 Jahren erlebt hat, bewegt sich Kultur nach wie vor im Koordinatensystem der Demokratie. Ein zeitgemäßes Verständnis von Kultur umfasst folgende Bereiche: Bildung, Unterhaltung, Repräsentation, Kunstförderung und gesellschaftliche Teilhabe.

Ziele, Zahlen, Zorres – Über Sinn und Unsinn kulturpolitischer Steuerungsmodelle,
Dr. Hans-Georg Küppers

Hans-Georg Küppers erinnert zu Beginn seines Vortrags daran, dass Kulturinstitutionen, deren Haushalte seit 1993 stagnieren, in der Regel am finanziellen Limit arbeiten. Mit Sorgen sieht er, wie prekär die Lage vieler Künstler und Kulturinstitutionen geworden ist. Auf die immer wieder gestellte Frage der Legitimation von Kulturausgaben in der Konkurrenz mit anderen Ressorts bemerkt er, dass „nur der Mensch ein Kulturwesen ist“ und dass die Vernachlässigung von Kulturaufgaben „ein Unrecht am Menschsein“ ist. Die Ziele eines Kulturplans dürfen nicht von oben herab sondern zusammen mit den Akteuren der Kulturlandschaft bestimmt werden.

Ausblick:

Nach der Sommerpause werden die Sachkundigen Bürger/innen Gespräche mit der Kulturverwaltung, den Fraktionen und den Kolleginnen und Kollegen wieder aufnehmen, um die vielschichtigen wie konstruktiven Impulse aus dem Kongress und die in allen Vorträgen hervorgehobene Kommunikationsgrundlage weiter auszubauen sowie Strategien für die Stärkung der Stuttgarter Kulturlandschaft zu entwickeln.

Über weitere Veranstaltungen informieren wir Sie rechtzeitig.

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